Neurodivergenz im Coaching. Wenn die eigene Methode das Problem ist – nicht der Mensch vor mir.

Coaching Peergroup , Systemisch – konfrontatives NLP

Thomas Harnisch

Es gab eine Klientin, an der ich mich ziemlich abgearbeitet habe. Fast nichts von dem, was in meinem Werkzeugkasten normalerweise zuverlässig funktioniert, hat bei ihr gegriffen. Sie kam einfach nicht ins Fühlen. Techniken, auf die ich mich seit Jahren verlassen kann, liefen ins Leere.

Was dann am Ende funktioniert hat, war für mich ziemlich überraschend: der visuelle Kanal. Rationale, strukturierte Ansätze. Dinge, die in meiner sonstigen Arbeit eher unterstützend sind, wurden bei ihr zum Hauptweg – und brachten Fortschritte, an die ich selbst zwischenzeitlich nicht mehr geglaubt habe.

Ich habe ihr das dann gespiegelt. Nicht als Diagnose oder „hörmal, das hier ist so und so gelaufen, ich vermute dass…“, nein – einfach als Beobachtung: dass bei ihr offensichtlich etwas anders verdrahtet ist als bei den meisten meiner Klient:innen. Sie hat das anscheinend mitgenommen und Monate später hat sie sich gemeldet: Sie hatte sich testen lassen. Ergebnis: Autismus-Spektrum.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht….


Das flexibelste Element hat den größten Einfluss

Eine meiner liebsten Grundannahmen aus der NLP- Arbeit: Das flexibelste Element eines Systems ist das, was den größten Einfluss auf das System hat.

Konkret angewendet auf diesen Fall: Wer ist in diesem Coaching-System das flexible Element – die Klientin oder ich als Coach? Meine damals erste Antwort: Die Klientin. Denn ich führe ja den Prozess. Ich bin der Coach! Was genauer betrachtet aber falsche Antwort war. Denn was ich lernen durfte ist: Ich bin das Element, das die Flexibilität aufbringen muss. Nicht das Nervensystem der Klientin war das Problem, das sich anpassen sollte – meine Methodenauswahl war die Variable, die sich als zu starr erwies.

Das lässt sich verallgemeinern: Viele Standardtools im Coaching sind implizit auf ein neurotypisches Nervensystem geeicht. Wenn ein Ansatz bei jemandem „nicht funktioniert“, ist die erste Frage nicht „was stimmt mit dieser Person nicht“, sondern „welches Element in diesem System hat noch ungenutzte Flexibilität – und bin das vielleicht ich?“

Diese Umkehrung ist unbequem. Sie nimmt dem Coach die bequeme Position des neutralen Experten und macht ihn selbst zur Variable. Aber genau darin liegt die Wirksamkeit: Wer bereit ist, die eigene Methode als das Flexible zu begreifen statt den Menschen davor, erreicht am Ende mehr Menschen – nicht weniger.

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Drei Nervensysteme, drei fast entgegengesetzte Vorgehensweisen

Ich habe auch mit hochsensiblen und hochintelligenten Menschen gearbeitet und dabei zuerst gedacht: Wo soll ich denen denn noch helfen können? Falsche Frage. Die richtige lautete: Wie muss ich meine Methode anpassen, damit sie bei diesem Nervensystem überhaupt trägt?

Drei Beispiele, drei völlig unterschiedliche Antworten:

Bei ADHSler:innen achte ich vor allem darauf, dass sortiert wird, was gerade dran ist – und dass der Fokus nicht verlorengeht. Nicht weniger Input. Sondern Struktur, die dem Denken hilft, bei einer Sache zu bleiben, ohne die Lebendigkeit zu bremsen.

Bei hochsensiblen Menschen geht es fast in die Gegenrichtung: Erkenntnisse dürfen nicht zu schnell und zu viel kommen. Dosierung wird zur Kunst – Verarbeitbarkeit vor Tempo, sonst kippt ein guter Coaching-Moment ins Überladensein.

Im Autismus-Spektrum suche ich vor allem eines: Zugang, dort wo er mir erlaubt wird. Kein Standardweg hinein. Geduld, genau hinschauen, wo eine Tür tatsächlich offen ist – statt an der Tür zu rütteln, die ich für die richtige halte.

Drei Menschen, drei Nervensysteme, drei fast entgegengesetzte Vorgehensweisen. Der gemeinsame Nenner ist keine Technik. Es ist die Grundhaltung dahinter: nicht das Programm über den Menschen legen, sondern erst schauen, welches Programm zu diesem einen Menschen passt.

Die andere Seite: Wenn der Coach selbst anders verdrahtet ist

Ich habe schon immer anders funktioniert. Oder auch nicht – das hätten meine Eltern und Lehrer wahrscheinlich anders formuliert.

Ich habe im Laufe der Zeit diverse Testungen machen lassen. Die Ergebnisse waren nicht eindeutig – aber klar außerhalb dessen, was man neurotypisch nennt. Hochsensibilität? Vielleicht. ADS? Ein bisschen, ziemlich sicher. Kein sauberes Etikett. Eher ein Mosaik aus Testergebnissen, die alle in eine ähnliche Richtung zeigen, ohne sich zu einem einzigen Bild zusammenzufügen.

Lange habe ich das als Problem verstanden. Als das, was mir im Weg stand – in der Schule, in manchen Jobs, in Situationen, die für andere selbstverständlich waren und für mich Arbeit bedeuteten.

Heute sehe ich es anders. Diese andere Form der Wahrnehmung, diese etwas verschobene Weltsicht – sie ist genau das, was mich als Coach oft in die Position bringt, den notwendigen Blick von außen zu haben. Nicht trotz der anderen Verdrahtung. Deswegen.

Was das analytisch bedeutet, lässt sich in drei Mechanismen fassen:

Erstens: schwächer gefilterte Wahrnehmung. Die meisten Menschen filtern unbewusst enorm viel Information heraus, bevor sie überhaupt bewusst wird – das schützt vor Reizüberflutung. Bei mir ist dieser Filter löchriger. Im Coaching bedeutet das: Ich nehme mehr Rohdaten wahr – Tonfall, Mikropausen, Widersprüche zwischen Wort und Körperhaltung – bevor sie geglättet werden.

Zweitens: geringere automatische Normanpassung. Die meisten Menschen übernehmen soziale Normen so selbstverständlich, dass sie unsichtbar werden. Bei mir hat dieser Automatismus nie vollständig installiert. Heute bedeutet das: Ich sehe Muster, die andere längst als „einfach normal“ abgespeichert haben – genau die Muster, die im Coaching oft der wunde Punkt sind.

Drittens: selbst entwickelte Kompensationsstrategien statt Standardlösungen. Weil die üblichen Wege für mich nie reibungslos funktioniert haben, musste ich mir eigene Zugänge bauen – visuell, strukturell, oft querbeet zu dem, was Lehrbücher empfehlen. Diese Methodenvielfalt aus eigener Notwendigkeit ist heute genau das Werkzeug, mit dem ich auf unterschiedlichste Nervensysteme reagieren kann, statt ein Programm über alle zu legen.

Der blinde Fleck, den viele bei „Neurodivergenz im Coaching“ haben: Sie denken zuerst an die Klient:innen. Selten daran, dass die andere Verdrahtung des Coaches selbst der eigentliche Zugang sein kann.


Was bleibt

Neurodivergenz im Coaching zu berücksichtigen heißt nicht, ein neues Sonderprogramm für eine kleine Zielgruppe zu bauen. Es heißt, die eigene Grundannahme zu hinterfragen, was „funktionierender“ Zugang zu einem Menschen überhaupt bedeutet – und anzuerkennen, dass diese Frage nicht nur die Klient:innen betrifft, sondern genauso den Coach selbst.

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FAQ

Muss ein Coach selbst neurodivergent sein, um mit neurodivergenten Klient:innen zu arbeiten? Nein. Aber Offenheit dafür, dass die eigene Methode nicht universell passt, ist notwendig – unabhängig davon, wie der Coach selbst verdrahtet ist.

Woran erkennt man, dass eine Standardmethode bei jemandem nicht trägt? Meist zuerst am Ausbleiben der erwarteten Reaktion – ein Zustand, der bei den meisten Menschen zuverlässig ausgelöst wird, bleibt aus. Das ist kein Zeichen von Widerstand, sondern ein Hinweis, die Methode zu wechseln statt die Person zu drängen.

Ist eine Diagnose Voraussetzung, um im Coaching auf Neurodivergenz einzugehen? Nein. Viele der hier beschriebenen Anpassungen lassen sich vornehmen, ohne dass je eine formale Diagnose vorliegt – manchmal kommt sie, wie in der geschilderten Geschichte, erst im Nachhinein.

Was unterscheidet Coaching mit neurodivergenten Klient:innen von klassischem Coaching? Kein grundsätzlich anderes Ziel, aber ein anderer Weg dorthin

Thomas Harnisch

Zertifizierter systemischer Coach | Antigewalt-Trainer | NLP-Mastercoach (DVNLP) | Fachberater für Gewaltprävention