Gewalt beginnt vor dem ersten Schlag. Systemische Hintergründe und die eigene Gewaltpersönlichkeit

Es gibt eine bequeme Vorstellung von Gewalt die du gelernt hast. Gewalt trägt Kapuze, kommt aus dem Nichts, hat ein Vorstrafenregister und lässt sich am Äußeren erkennen. Sie passiert woanders – in Problemvierteln, in dysfunktionalen Familien, bei Menschen, die offensichtlich etwas falsch gemacht haben oder denen etwas falsch gemacht wurde. Diese Vorstellung ist nicht vollständig falsch. Sie ist nur so selektiv, dass sie das eigentliche Problem unsichtbar macht.

Denn Gewalt – in ihrer ganzen Bandbreite, nicht nur in ihrer physischen Endform – ist kein Ausnahmezustand. Sie ist ein Kontinuum. Sie beginnt lange vor dem ersten Schlag, lange vor der ersten lauten Stimme, oft lange vor dem bewussten Entschluss, jemandem zu schaden. Und sie findet in Büros statt, in Konferenzräumen, in Schulen, in Familien, in Organisationen – in Kontexten, die sich selbst niemals als gewaltaffin beschreiben würden.

Wer das nicht sehen will, schützt sich vor einer unbequemen Frage: Was hat das mit mir zu tun?


Was Gewalt wirklich ist – jenseits der Abendnachrichten-Definition

Johan Galtung, der norwegische Friedensforscher, hat in den Sechzigern eine Unterscheidung eingeführt, die bis heute zu wenig Raum außerhalb akademischer Kreise bekommt. Er unterschied zwischen direkter, struktureller und kultureller Gewalt.

Direkte Gewalt ist das, was wir meinen, wenn wir das Wort hören: ein Mensch schädigt einen anderen Menschen absichtlich und unmittelbar. Das ist die sichtbarste Form – und statistisch betrachtet die seltenste.

Strukturelle Gewalt ist die, die in Systemen sitzt. In Hierarchien, die Würde systematisch beschädigen. In Prozessen, die Menschen unsichtbar machen. In Organisationskulturen, die Erschöpfung als Leistungsausweis verkaufen. Niemand schlägt hier zu. Aber Menschen werden trotzdem verletzt – durch Strukturen, die so gebaut sind, dass bestimmte Bedürfnisse systematisch ignoriert werden.

Kulturelle Gewalt ist die, die all das legitimiert. Die Sprache, die Narrative, die Überzeugungen, die direkte und strukturelle Gewalt als normal, notwendig oder unvermeidlich erscheinen lassen. Wer nicht kämpft, hat verloren. Wer sich beschwert, ist schwach. So läuft das eben.

Diese drei Formen sind nicht unabhängig voneinander. Sie bedingen sich gegenseitig. Und wer nur die erste bekämpft, während er die anderen zwei ignoriert, betreibt Symptombekämpfung – mit gutem Gewissen, aber wenig Wirkung. Auch die Facilitation hat für diese Unterscheidung einen eigenen Zugang: Wer Gruppen begleitet, begegnet struktureller und kultureller Gewalt ständig — als dem schweigenden Kontext, in dem Gespräche stattfinden oder eben nicht stattfinden können. Den Raum zu gestalten bedeutet deshalb immer auch, Entscheidungen über Würde zu treffen: Wessen Stimme zählt? Wer darf widersprechen? Was darf sichtbar werden?


Die Eskalationskette: Wie Gewalt wirklich entsteht

Gewalt entsteht fast nie aus dem Nichts. Sie entsteht am Ende einer Kette, die lang genug ist, dass an vielen Punkten hätte eingegriffen werden können – und an den meisten nicht eingegriffen wurde. Die Kette beginnt meistens mit einem Erleben von Ohnmacht. Oft ganz alltäglich: das Gefühl, nicht gehört zu werden. Nicht ernst genommen zu werden. Keine Kontrolle über das zu haben, was das eigene Leben bestimmt. Dieses Erleben ist universell – es gibt keinen Menschen, der es nicht kennt. Der Unterschied liegt nicht im Erleben, sondern darin, was jemand damit macht.

Wer gelernt hat, Ohnmacht auszuhalten, zu benennen, produktiv zu verarbeiten, entwickelt Handlungsoptionen. Wer das nicht gelernt hat — weil es niemanden gab, der es gezeigt hätte, weil es nie sicher war, Schwäche zu zeigen, weil die Umgebung von Beginn an signalisiert hat, dass Gefühle gefährlich sind — dem bleibt weniger Spielraum. Und in diesem verengten Spielraum wächst das, was man Gewaltpotenzial nennt: nicht als Persönlichkeitsmerkmal, sondern als Konsequenz fehlender Alternativen. Das ist keine Entschuldigung für Gewalt. Es ist eine Erklärung – und Erklärungen sind der Anfang von Prävention.


Verbale und psychische Gewalt: Die unsichtbare Mitte der Kette

Zwischen dem Erleben von Ohnmacht und dem physischen Übergriff liegt ein Bereich, der in der öffentlichen Diskussion über Gewalt systematisch unterbelichtet ist: die verbale und psychische Dimension. Entwürdigung durch Sprache. Bloßstellung vor anderen. Das systematische Kleinmachen von Leistung, Meinung oder Persönlichkeit. Die subtile Form der Kontrolle, die sich nicht als Gewalt anfühlt, aber dieselbe Wirkung hat: das Selbstbild des anderen zu beschädigen, seine Handlungsfähigkeit einzuschränken, seine Realitätswahrnehmung in Frage zu stellen.

Gaslighting ist ein Begriff, der inzwischen bekannter ist – das gezielte Verdrehen von Wahrnehmung, bis jemand seiner eigenen Einschätzung nicht mehr traut. Das klingt nach extremem Einzelfall. Es ist erschreckend alltäglich. In Paarbeziehungen, in Eltern-Kind-Dynamiken, in Vorgesetzten-Mitarbeitenden-Verhältnissen. Was diese Formen von Gewalt so wirksam macht, ist ihre Unsichtbarkeit. Sie hinterlassen keine Spuren, die man fotografieren kann. Sie sind schwer zu benennen, weil sie sich oft hinter Ironie, Fürsorge oder vermeintlicher Sachlichkeit verstecken. Und sie erzeugen in den Betroffenen häufig dasselbe: Zweifel an der eigenen Wahrnehmung. Das Gefühl, selbst schuld zu sein. Eine schleichende Erosion des Selbstwerts, die von außen nicht sichtbar ist – bis sie es plötzlich ist.

Gewalt in Organisationen: Das Thema, das keinen Namen haben darf

Hier wird es für viele Führungskräfte und HR-Verantwortliche ungemütlich. Und das ist gut so. Organisationale Gewalt ist kein Randphänomen. Sie ist in vielen Unternehmenskulturen strukturell verankert – nicht als bewusste Entscheidung, sondern als Ergebnis von Normen, die Gewalt normalisieren, ohne sie so zu nennen.

Dauererreichbarkeit als implizite Erwartung. Überstunden als Loyalitätsbeweis. Fehler als persönliches Versagen statt als Systemergebnis. Entscheidungen, die über Köpfe hinweg getroffen werden, ohne Begründung, ohne Beteiligung, ohne Würde. Führungskräfte, die durch Druck führen, weil sie es nicht anders kennen oder weil die Organisation es stillschweigend belohnt. Das sind Muster, die sich in der Forschung zu psychischer Belastung am Arbeitsplatz, zu Burnout-Raten und zu innerer Kündigung konsistent wiederfinden. Und sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie entstehen nicht durch einzelne böse Akteure, sondern durch Kulturen, die bestimmte Verhaltensweisen möglich machen – oder sogar fördern.

Wer Gewaltprävention in Organisationen ernst nimmt, beginnt nicht mit einem Seminar über Deeskalationstechniken. Er beginnt mit der Frage: Welche Strukturen in dieser Organisation erzeugen systematisch Ohnmacht, Würdeverlust und Erschöpfung? Und wer profitiert davon, dass diese Frage nicht gestellt wird?

Das ist exakt die Frage:Welches System erzeugt dieses Problem, und wer hat Interesse daran, dass es so bleibt?

Fotografin Marleen Scholten / @postbeforelost, Thomas Harnisch

Was Antigewalt-Arbeit für mich wirklich bedeutet

Antigewalt-Training hat in der öffentlichen Wahrnehmung oft ein sehr enges Bild: Jugendliche in Turnhallen, Deeskalationsübungen, Rollenspiele mit simulierten Konflikten. Das hat seinen Platz, doch da geht noch mehr!

Echte Antigewalt-Arbeit beginnt nicht mit Techniken. Sie beginnt mit der Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltpersönlichkeit. Nicht im Sinne von: Ich bin gewalttätig, also muss ich das ändern. Sondern im Sinne von: Jeder Mensch trägt ein Gewaltpotenzial in sich – als Teil seiner Persönlichkeit, seiner Geschichte, seiner biologischen Ausstattung. Die Frage ist nicht, ob es da ist. Die Frage ist, was jemand damit macht. Diese Auseinandersetzung ist unbequem. Sie verlangt, ehrlich hinzuschauen, in welchen Situationen aggressive Impulse auftauchen. Wann Ohnmacht in Kontrollwunsch kippt. Wann Sprache zur Waffe wird, auch wenn man es nicht so nennen würde. Wann man selbst Strukturen aufrechterhält, die andere einschränken – nicht aus bösem Willen, sondern weil es nie jemand anders gemacht hat.

Das ist führt zu Selbstkenntnis. Und Selbstkenntnis ist in diesem Kontext buchstäblich präventiv – weil sie den Raum schafft, in dem Alternativen zur Gewalt entstehen können. Denn so entwickelt sich eine Haltung die strukturell anti-gewalttätig ist. Nicht weil sie nett und harmlos ist — sondern weil sie Machtstrukturen und Dynamiken bewusst macht, Beteiligung strukturell einfordert und Würde zur Designbedingung jedes Prozesses erklärt. Wer so arbeitet, baut aktiv gegen die Muster, die Gewalt vorbereiten.


Was das mit Führung zu tun hat – mehr als die meisten denken

Führungskräfte haben eine besondere Position in diesem Gefüge. Nicht weil sie grundsätzlich gewaltaffiner wären als andere Menschen. Sondern weil sie Macht haben – und Macht Gewalt strukturell leichter macht, ohne dass es je so benannt wird. Eine Führungskraft, die jemanden systematisch übergeht, tut das meist nicht mit dem Bewusstsein, Gewalt auszuüben. Eine Führungskraft, die durch Schweigen bestraft, durch Ironie demontiert oder durch Überforderung erschöpft, erlebt sich selbst meistens als sachlich, realistisch, fordernd. Nicht als gewalttätig. Das ist das eigentliche Problem. Nicht der bewusste Übergriff – sondern die unbewusste Ausübung von Macht in einer Weise, die andere verletzt, ohne dass es als Verletzung erkannt wird.

Wer in einer Führungsrolle ist und sich ernsthaft fragt, welche Dynamiken er erzeugt – welche Ohnmachtserfahrungen, welche Würdeverletzungen, welche strukturellen Einschränkungen er möglicherweise reproduziert – der stellt die richtige Frage. Weil Führung eben Verantwortung bedeutet: auch für das, was man unbewusst tut.


Was bleibt

Gewalt beginnt vor dem ersten Schlag. Das ist keine Metapher – es ist eine Beschreibung dessen, wie Eskalationsprozesse tatsächlich funktionieren. Und es ist eine Einladung, früher hinzuschauen, als es bequem ist. In der eigenen Sprache. In den eigenen Impulsen. In den Strukturen, die man mitträgt oder mitgeschaffen hat. In den Kulturen, in denen man arbeitet, führt oder lebt.

Das ist keine Frage der Schuld. Es ist eine Frage der Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit — auf das, was entsteht, bevor es sichtbar wird — ist das wirksamste Präventionsinstrument, das es gibt. Billiger als jede Maßnahme danach. Und schwerer zu vermeiden, wenn man einmal angefangen hat, genau hinzuschauen.

Achja, mein Angebot zu präventivem systemischem Anti Gewalt Training gibt es für Organisationen und Schulen (klicke hier für Informationen dazu). Die konfrontativen Anteile dieses Vorgehens sind fester Bestandteil meiner Arbeit geworden und finden Anwendung in meinen Gruppen Programmen (anklickbar) „personal patterns“ und dem Jahresprogramm „applied identity“ – Schau doch mal rein 🙂


FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Konflikt und Gewalt? Konflikt ist normal und notwendig – er entsteht überall dort, wo Menschen unterschiedliche Bedürfnisse, Ziele oder Wahrnehmungen haben. Gewalt beginnt dort, wo jemand versucht, diesen Konflikt auf Kosten der Würde oder Handlungsfähigkeit des anderen aufzulösen. Nicht jeder Konflikt ist Gewalt. Aber jede Gewalt hat einen Konflikt als Vorgeschichte.

Kann jeder Mensch gewalttätig werden? Ja – unter bestimmten Bedingungen. Das ist keine pessimistische Aussage, sondern eine realistische. Gewaltpotenzial ist kein Persönlichkeitsmerkmal einer Minderheit, sondern Teil des menschlichen Repertoires. Der Unterschied liegt darin, welche Alternativen jemand kennt, wie viel Selbstkenntnis er hat und in welchen Strukturen er lebt.

Was bringt Antigewalt-Training für Menschen, die sich nicht als gewalttätig erleben? Oft mehr als für jene, die sich bereits als Problem erkannt haben. Wer subtile Formen eigener Gewalt – in Sprache, Machtausübung, Kontrolldynamiken – noch nie bewusst betrachtet hat, macht in der Auseinandersetzung damit Entdeckungen, die Führung, Kommunikation und Beziehungsgestaltung nachhaltig verändern.

Wie unterscheidet sich Antigewalt-Arbeit von Deeskalationstraining? Deeskalationstraining vermittelt Techniken für akute Situationen. Antigewalt-Arbeit geht tiefer: Sie befasst sich mit den Mustern, Überzeugungen und Strukturen, die Eskalation erst entstehen lassen. Ersteres ist nützlich. Letzteres ist nachhaltig.

Ist Antigewalt-Arbeit nur für Menschen relevant, die in Risikokontexten arbeiten? Nein. Gewalt in ihren subtileren Formen – verbal, psychisch, strukturell – findet in jedem Kontext statt, in dem Menschen miteinander Macht teilen oder ausüben. Das betrifft Schulen, Unternehmen, Sozialeinrichtungen und Familien gleichermaßen. Wer Menschen führt, begleitet oder erzieht, arbeitet immer auch mit Gewaltdynamiken – bewusst oder nicht.

Thomas Harnisch

Zertifizierter systemischer Coach | Antigewalt-Trainer | NLP-Mastercoach (DVNLP) | Fachberater für Gewaltprävention